Die traditionelle Musik asiatischer Länder ist eine der reichsten Quellen, aus denen Komponisten der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit schöpfen, um das Vokabular der Musiksprache zu erweitern und zu erneuern. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei der spirituelle Hintergrund: Meditative Bewusstseinsvertiefung, die Suche nach dem Unverändlichen im Strom stetiger Veränderung, das Fassen der Welt als Ganzes sind auch bei uns seit jeher Zielsetzungen der Kunst, insbesondere der Musik.
Der britische Komponist John Palmer ist ein Japan-Begeisterter. Aus seiner intensiven Beschäftigung mit der Kultur und Philosophie des Landes sind unter anderem die drei Kompositionen dieser bei Sargasso erschienenen CD hervorgegangen. Satori aus dem Jahr 1999 ist ein Solowerk für Cembalo, gespielt vom Palmer selbst. Nur wenigen Tönen wird so lange nachgehört, bis sie verklungen sind und darüber hinaus - der Umgang mit Stille ist aber ein ganz anderer als z.B. bei John Cage; es geht hier nicht um Geräusche, die erst durch Ruhe hörbar werden. Das Klangereignis wird durch eine Lupe betrachtet: der Moment, in dem es in die Stille einbricht, seine Entwicklung und das Wiedereingehen in die Stille. Ist diese Anlage typische östliche Philosophie, so verleugnet sich Palmer doch nicht als europäischer Komponist: der Klang eines Cembalos ist eindeutig in unserer Musikgeschichte verankert.
Den Unterschied bzw. die Schnittmenge bei der Kulturkreise arbeitet Palmer in Koan, ebenfalls 1999 entstanden, gerade mithilfe der Instrumentalfarben heraus. Zu einem Kammerensemble gesellt sich als quasi-solisticher Gegenpol die japanische Bambusflöte Shakuhachi. Faszinierend, wie Holzblasinstrumente, Streicher und sogar das Klavier diesen spezifischen Klang übernehmen, nachahmen, erkunden. Von kontemplativer Stimmung ist hier wenig zu spüren: Koan ist ein bewegtes und virtuoses Stück - furios gespielt von Teruhisa Fukuda und dem Contemporary Music Ensemble Tokyo (ComeT), eine Liveaufnahme vom Abschlusskonzert der ISCM 2001 World Music Days in Tokio. Bestechend die Vertrautheit des japanischen Ensembles mit dieser Musik, wodurch eine energiegeladene rhythmische und klangliche Homogenität entsteht.
Dies geht leider dem Neuen KammerTrio ab. Als Auftragswerk der Gruppe speziell für die Besetzung Bassflöte, Viola und Gitarre geschrieben, verarbeitet Still (2000/2001) auf ähnliche Weise Elemente japanischen Musizierens, ist ingesamt aber ruhiger und sensibler. Das intuitive Verständnis fehlt den Musikern, sie konzentrieren sich im Mitschnitt der Uraufführung vor allem auf das Auskosten der breit angelegten instrumentalen Farbpalette.

Detlef Krenge, Neue Zeitschrift für Musik, 2, März/April 2004