John Palmer
waka, “…as it flies…”, nowhere
Sargasso SCD 28053

Ob es eine angenehme, gar eine schöne Sache sein darf, Musik zuzuhören, ob es eine erregende oder gar zu erschaudernde sein darf oder eigentlich prinzipiell eine vor allem kathartische Angelegenheit, darüber mag sich gern streiten, wer statt neuer Musik lieber Neue Musik hört. Angenehm auf jeden Fall ist es, einer CD zuzuhören, die sich perfekt gegen gängige Beschreibungs- oder Rezensionsklischees sperrt. Gewiss, die drei zwischen 1993 und 2001 entstandenden Werke von John Palmer sind “Neue Musik”, was sich auch schon in der Kleinschreibung der treffenden Titel zeigt, aber sie sind vor allem in einem so hohen Masse “Klang”, dass sie sich dramaturgischen, ästhetischen, ja sogar farblichen und atmosphärischen Wort- und Werkkategorien entziehen, wie sie zum Einmaleins des Rezensenten gehören.

Von “freier Klangrede” zu sprechen wäre eine erlaubte Notlösung, aber Palmers Musik spricht nicht wirklich, weil sie Gesten, Gebärden und Rhythmen im Sinne sprechender Musik meidet. Von “Klangfarbenmelodien” zu sprechen wiederum wäre der Versuch, mit antiquiertem Vokabular zu benennen, was eben gar nicht das Besondere, sondern das Selbstverständliche dieser musikalischen Zuständigkeit ist. Nein, das Ungewöhnliche und das Gelungene in Palmers Musik liegt in der Konsequenz, in der das Klingende immer weiterklingt, ohne dass eine intellektuelle, strukturelle oder dramaturgisch bestimmte Kategorie hörbar würde, die dieses Immer-anders- und Immer-doch-Weiterklingen irgendwie abgesichert oder didaktisch regelt.

Vor allem in waka, dem 21-minütigen Hauptwerk der CD, gelingen Palmer Klangvisionen, die das Zeitgefühl der Hörers auf die Probe stellen, wobei die im positiven Sinne improvisiert wirkenden Veränderungen der klingenden Räume stets natürlich und nicht inszeniert erscheinen. Diese musikalische Ungezwungenheit macht das Hören zu einem Abenteuer - wobei auch dieses Wort zu aufgeregt ist, zu expressionistisch für Palmers durchaus in sich ruhende, eher sanfte und stille Klangmusik, die aber durchweg auch anders ist als so manch modische Sanft-und Stille-Musik charakteristischer Post-Feldman-Stilistik.

Dass sich Palmer von der literarischen Form des japanischen tanka inspirieren liess, mag sich musikalisch mitteilen oder auch nicht - eine Spur japanischer Aura wohnt der Musik inne, wobei das Bildlich-Zeichnerische, das rasch Hingeworfene sich immer wieder für Momente in das Bewusstsein des Klingenden drängt, aber auch immer wieder vom puren Klang, vom eben nicht Bildhaften, auf seinen Platz gewiesen wird. Aber dies mitzuhören oder zu entdecken wäre Sache der Hörers, nicht des Rezensenten.


Hans-Christian von Dadelsen
Neue Zeitschrift für Musik, Januar-Februar 2007