Elektroakustische Musik: Zwei Konzerte mit John Palmer in Luzern.

Der Brite John Palmer Komponist, Pianist, Werkpreisträger 1993 von Stadt und Kanton Luzern lud am 21. sowie 22. Januar zu zwei höchst interessanten “Kammermusik”-Abenden ins Wartegg-Schlössli in Luzern. Palmer hat eine erstaunliche Entwicklung hinter sich: Noch vor wenigen Jahren als Student am Konservatorium Luzern tätig (Lehrdiplomabschluss im Hauptfach Klavier), übt er heute bereits eine rege kompositorische Tätigkeit aus, agiert und konzertiert in der dem Hörer der beiden Abende bekannten Eigenschaft als Pianist, Synthesizerspieler sowie die Gestaltungsmöglichkeiten der Live-Elektronik souverän beherrschender Leiter eines elektronischen Studios. Sein “Instrument” ist - im besten Sinne - die Elektronik, derer er sich sogar vom Flügel aus bedient.

Erstaunlich auch die kompositorische Entwicklung: Liessen noch vor kurzem seine Arbeiten kaum ahnen, welche Entwicklung sie inskünftig nehmen könnten, sind seine neusten Werke (darunter auch sein “Omen” für elektroakustich verfremdete Singstimmen und Orchester - der unmittelbare Anlass für den Werkbeitrag) ausgereifte Stücke, welche in nichts den aufgeführten Werken seines Lehrers Jonathan Harvey nachstehen, ja manchmal sogar schon übertreffen. Dies gilt insbesondere für sein “Beyond the Bridge”, worunter sowohl Metaphysisches wie auch Handfesteres (nämlich das Ponticello des Cellos) zu verstehen sein mögen. Dieses Werk schien mir von allen dargebotenen Stücken das originellste, eigenständigste und ohrenfälligste der beiden Abende; dabei durchaus von poetischer Klangschönheit, gut durchdacht und strukturiert (was unter anderem auch die übereinander gelagerten Zeitschickten und damit ein Negieren der Zeitgrenzen aufs eindrücklichste dokumentierten).

Neben den dominierenden Stücken der beiden Konzerte, nämlich den Kompositionen von John Palmer, stachen noch einzelne Werke weiterer britischer sowie amerikanischer Komponisten hervor: Andrew Lewis "Storm Song", für Klavier und Tonband, Stephen Montagues "Haiku" für Klavier, live-Elektronik und Tonband, James Ellis, Katharine Normans "Trying to Translate" für die gleiche Besetzung sowie Jonathan Harveys "Curve with Plateaux" für Cello.
Klage wie auch Anklage vermittelte das erst vor wenigen Wochen entstandene Werk “Epitaph”* (in memoriam Ursula Sänger) für Cello und Elektronik von John Palmer, von den beiden Ausführenden mit höchster Einfühlung und Konzentration dargeboten.
Insgesamt zwei höchst anregende Abende für Liebhaber wie auch “Einsteiger” dieser Art von Musik (der erste Abend wurde vom Komponisten allein bestritten, die Cellistin Zoë Martlew kam dann am 2. Abend noch hinzu, was entschieden zu einer gesteigerten klanglichen Bereicherung beitrag ).

Hubert Podstransky, Luzerner Zeitung, 4. Februar 1994

*Bemerkung des Komponisten: das war nun die erste Fassung des Werkes. Die zweite, entgültige, Fassung ist auf CD erhältlich (sargasso scd 28038).