CD booklet 'koan, still, satori'

Mein letztes Treffen mit John Palmer fand anlässlich der Weltmusiktage 2001 in Yokohama statt, wo sein Koan für shakuhachi und Kammerensemble gerade aufgeführt worden war. Viele aus dem Westen stammende Bewohner Japans werden von der traditionellen japanischen Kultur in den Bann geschlagen, und einige werden sogar in unterschiedlichem Ausmass selbst zu “Japanern”. Ich habe jedoch noch nie jemanden getroffen, der sich so mit ganzem Herzen in Japan verliebt hatte wie John, und das in erstaunlich kurzer Zeit. Er ähnelte in seinem wallenden schwarzen Kimono bereits einem priesterlichen Gefolgsmann und erzählte mir aufgeregt, dass er gerade eine Woche in einem Zen-Kloster in Kyoto verbracht habe. Die strenge Ausbildung an solchen Institutionen ist bekannt, und die meisten Laien, die dem Zen-Buddhismus folgen, ziehen es vor, sich erst langsam nach und nach in diese anstrengende Disziplin zu hinein zu wagen. Nicht so John, der quasi mit beiden Füssen zuerst gleich hineingesprungen war - und seine Reaktionen liessen darauf schliessen, dass das ihn umgebende Wasser wundervoll war. Dies schien mit dem Wenigen übereinzustimmen, das ich über den Komponisten wusste, über seine Persönlichkeit, die alle bequemen Oberflächlichkeiten überspringt und sich Hals über Kopf in die Tiefen einer Kultur versenkt.

Die drei Werke auf dieser CD reflektieren alle John Palmers profunde Auseinandersetzung mit der japanischen Tradition, spirituell wie auch ästhetisch. Dies wird explizit deutlich in zweien der Titel (“Koan” und “Satori”), sowie auch implizit in den Programmanmerkungen für “Still”, die einen Bezug herstellen zur Poesieform des haiku und zum traditionellen ästhetischen Konzept des ma. Die meisten dieser Begriffe beziehen sich auf Konzepte, die heutzutage im Westen ein gewisses Mass an Bekanntheit und Ansehen geniessen, selbst wenn sie nicht immer mit diesen Begriffen beschrieben werden. Ein koan, zum Beispiel, ist der Typ einer scheinbar unsinnigen Frage, mit Hilfe derer Studenten der Rinzai-Schule des Zen-Buddhismus ausgebildet werden, um die Beschränkungen verbaler Argumentation zu transzendieren. Das vielleicht berühmteste Beispiel ist Hakuins Frage: “Wie hört sich das Klatschen einer Hand an?” (Meine eigene, nicht ganz ernstgemeinte Antwort wäre: Die Reaktion eines Auditoriums bei einem ganz normalen Konzert mit Neuer Musik.) Satori bezeichnet das spirituelle Erwachen während der Zen-Meditation, das manchmal missverständlicherweise mit “Erleuchtung” oder “Aufklärung” übersetzt wird, obgleich es in seiner Transzendenz dualistischer Diskrimination in der Tat das genaue Gegenteil des wortreichen Rationalismus des europäischen Humanismus darstellt. Das kompakte, 17 Silben umfassende Schema des haiku ist im Westen seit langem bekannt, und viele Leser haben zweifelsohne in ihrer Schulzeit derlei Gedichte verfassen müssen. Der ästhetische Terminus ma hingegen ist ausserhalb von Spezialistenkreisen kaum bekannt. Die schriftliche Umsetzung von ma ist das chinesische Zeichen für “Intervall” oder “Raum”; ma bezieht sich daher auf “leere” Räume in einer artistischen Komposition in einem räumlichen wie auch zeitlichen Sinne - leere Flächen in einem Gemälde, zum Beispiel, oder gedankenvoll plazierte “Stille” in der Musik. Die leeren Räume in der Musik sind natürlich keineswegs “still”, sondern leben durch ungeplante Laute. Diese in unser Bewusstsein zu bringen ist ein Teil der Funktion der Musik, was Palmers Freund und Mentor, der amerikanische Komponist John Cage, genau wusste.

All diese pittoreske “Japanesse” mag den Eindruck erwecken, dass den Hörer dieser CD eine bequeme Sitzung von “new age easy listening” erwartet. Aber seien Sie gewarnt: wer sich der asketischen Strenge des Zen-buddhistischen Klosterlebens aussetzt, wird kaum nach seichten und oberflächlichen Lösungen suchen, und die musikalische Sprache von John Palmers Werk ist kompromisslos westlich und zeitgenössisch. Das Werk verlangt von seinen Hörern in nicht geringerem Masse als von seinem Schöpfer eine Haltung disziplinierter Ernsthaftigkeit. Sicherlich muss man nicht Zen praktizieren, um es zu verstehen, und genauso wird es wahrscheinlich auch nicht die Gabe des satori vermitteln; aber diejenigen, die dem Werk auch nur ein geringes Mass der konzentrierten Aufmerksamkeit entgegenbringen, die ein Anhänger des Zen der Meditation entgegenbringt, belohnt es mit Einblicken in das, was Palmer bezeichnet als “jene magischen und transzendenten Qualitäten, die in den entfernten Winkeln unseres inneren Selbst residieren.” Und falls Sie jetzt zustimmen, dass der Komponist hier zu recht die erste Person Plural verwendet, dann wird Ihr Aufwand an Zeit und Geduld nicht vergeblich sein.

Peter Burt - Wien, Februar 2003 (Übersetzung: Birte Twisselmann)